Der Desktop stirbt
(Brett Jordan via Flickr)
Die morgige Vorstellung von Mac OS X 10.7 erfüllt mich mit Langeweile und Desinteresse. Mac OS X fühlt sich alt an. Es erfüllt seine Arbeit ohne viel Aufsehen zu erregen und ist verlässlich. Neue Software für den Arbeitsknecht interessiert mich kaum. Ich habe mich im OS X eingerichtet und arbeite täglich damit. Verbesserungen interessieren mich nicht mehr. Das Mac OS X und die komplette Klasse an mausbasierten Desktop-Rechnern ist aus meinem Fokus gerutscht. Wie konnte es dazu kommen?
Am Mac bin ich seit Mac OS X 10.2. Davor verwendete ich FreeBSD, OS/2 und PC/Geos. Auch eine kleine Windows NT-Phase war dabei. All das verwendete ich auf einem kleinen Desktop Zuhause oder natürlich dem iMac. Nach Stunden am PC auf Arbeit saß ich gerne Abends Zuhause und habe Blogs gelesen. Ich habe meine Musik digitalisiert. Etwas programmiert. Fern gesehen. Artikel geschrieben. Mich daran erfreut, dass ich nach dem Tod von OS/2 endlich wieder nicht mehr vom Betriebssystem genervt werde. Und ich habe am Nintendo DS gespielt.
Die erste Veränderung kam Anfang 2008 mit dem iPhone. Damals noch ohne AppStore konnte ich auf einmal unterwegs Blogs im Google Reader lesen und Filme sehen. Meine abendlichen Rechner-Sitzungen verschwanden und aufgenommene Serien sah ich immer häufiger unterwegs. Der Jailbreak brachte zudem Nintendo-Spiele wie Fire Emblem auf das Gerät, so dass ich meinen DS ebenfalls nicht mehr nutzen musste. Er verwaiste zusehends. Das iPhone besetzte langsam Flächen in meinem Leben.
Die zweite Veränderung kam Mitte 2008 mit dem AppStore. Auf einmal wurde aus dem kleinen Multimediabrowser ein richtiger Rechner mit offiziellen Anwendungen und Spielen. Immer mehr Dinge meiner privaten Rechnerzeit verlagerten sich auf das iPhone: Spiele, Fernsehen, Blogartikel vorbereiten, Twitter, Facebook. Hinzu kamen neue Funktionen: Shazam konnte mir im Club sagen, welcher Song dort gerade lief - und ich konnte ihn sofort über iTunes kaufen und auf dem Nachhauseweg hören. Dank Fahrinfo und DB Navigator weiß ich jederzeit - und in der Regel vor dem Bahnpersonal - welche Verbindung passend ist. Mit Qype schaue ich nach interessanten Orten in der Nähe. Und Kino.de ist mein Portal zu den Kinos in meiner Gegend (erinnert sich noch jemand an die auf U-Bahnhöfen angebrachten Spielpläne?). Die Kombination aus Online-Diensten und spezialisierten Apps sorgt für eine neue Nutzung des Internets und Rechners an sich. Wofür einen Desktop, wenn die Informationen der Welt in meiner Hand liegen? Das iPhone hat seinen Platz gefunden.
Die dritte Veränderung kam mit dem iPad. Als großer iPod Touch bot er die Bildschirmfläche eines Desktop-Rechners mit der direkten Bedienung des iPhones und ausgewachsene Software: Online-Banking, Mindmaps erstellen, PDFs durchgehen und mit Notizen versehen, Texte schreiben, Zugriff auf das Dokumente-Archiv, Remote Desktop (VNC, RDP, X11), eBay, Fotos anschauen, Wikipedia, Blogs, Fernsehen, Filme, Präsentationen und PDFs an den Beamer geben, Tabellenkalkulation - all dies geschieht am iPad.
Jetzt, drei Jahre nach Erscheinen des ersten iPhones, sieht meine Rechnerlandschaft dementsprechend verändert aus: Der iMac, einst abendliche Zentrale, wird nur noch als Fernseher und Syncstation verwendet - und wandert demnächst in das Regal. Nur noch wenige Programme sind in der tatsächlichen Nutzung: EyeTV, iTunes, Lightroom und Handbrake. Es sind zwangsläufig all die Applikationen, die für Apples Sync-Mechanismen erforderlich sind oder für die es noch keine iPad-Alternativen gibt, da das iPad zu wenig Speicher besitzt. Mein MacBook dient dagegen im Büro als Arbeitsplatz. Seit dem iPad verbringt es dort auch die Abende und Wochenenden. Alles andere wird mit dem iPad erledigt.
Sicher: Alles, was ich am iPad mache, könnte ich auch z.B. an einem Macbook oder Netbook erledigen. Die Gründe für solch dicke Rechner und dicke Software werden aber weniger. Momentan verbinden sich verschiedene Entwicklungen. Das Internet, WLAN, 3G, Datenbanken, Lokalisierungsfunktionen, Synchronisation, kein Installationsaufwand, kein Wartungsaufwand, viele Apps und natürlich die kleinen, tragbaren Computer, die mehr als zehn Stunden Betrieb überleben, sorgen zusammen für neue Einsatzgebiete und stellen immer stärker die Frage, ob es nicht viel eher die dicken Rechner sind, die sich verteidigen müssten. Denn wer möchte sich heutzutage mit der Rechnerwartung beschäftigen, nach der Deinstallation irgendwelche Application Support-Ordner aufräumen oder mit Druckertreibern im Gigabytebereich hantieren müssen? Mit Apples Touch-Geräten wächst eine Rechnerfamilie heran, die mit der alten Rechnervorstellung bricht. Diese Geräte funktionieren einfach. Für jedermann.
Dazu drei Beispiele:
- Dank Air Video habe ich stets meine gesamten Filme dabei, ohne mich um die Konvertierung in ein kompatibles Format und die Synchronisierung mit iTunes kümmern zu müssen. Die Bedienung ist kinderleicht: Ich muss das iPad genau sechs Mal Antippen, um die App zu starten, mich mit dem Rechner Zuhause zu verbinden, einen Film auszuwählen und diesen zu mir zu streamen. Das dauert weniger als zehn Sekunden.
- Wollte ich früher eine Auktion bei eBay starten, so gingen Fotos über einen absurden Weg, der die Kamera, USB, iView und AppleScript umfasste, in einen Smart Folder, der dann von iSale, meiner eBay-Software, verwendet wurde. Heute mache ich meine Dropbox am iPhone auf, mache ein Foto, öffne die Dropbox am iPad und speichere das Bild ab. Die iPad-Version von GarageSale bietet mit dann das Bild zur Auswahl an. In der Dropbox liegen übrigens alle meine Daten außer RAW-Bilder und Videos, so dass ich auf jedem Rechner immer mit dem aktuellen Dateien arbeiten kann, ohne mir Gedanken machen zu müssen.
- Außerdem archiviere ich gerne Dinge. Konzertkarten z.B. oder Unterlagen. Dies umfasste früher die Arbeit mit einem Canon-Scanner, der schrecklichen Canon-Software, AppleScript und iView. Als Ergebnis mussten Scans natürlich regelmäßig auch überarbeitet werden, wo dann noch Photoshop Elements ins Spiel kam. Heute lege ich das Blatt Papier in den Scanner und nach vier Tipps im Menü hat der Scanner die Seite eingescannt und als PDF-Anhang an Evernote gemailt, über welches mir auf allen Geräten auch gleich eine Volltextsuche zur Verfügung steht. Maximal müssen die Bilder noch zugeschnitten werden. Der Workflow funktioniert so gut, dass ich sogar unterwegs Dinge mit JotNot am iPhone “einscanne” und direkt in Evernote abspeichere. Kernpunkte sind hierbei der schnelle Zugriff auf allen Systemen (die Evernote-Software ist überall verfügbar), die ohne Download der Dokumente funktionierende Volltextsuche und der komplett rechnerlose Scanvorgang. Auch die eMail versendet der Scanner selbsttätig. Vor Jahren wäre dies undenkbar (oder unbezahlbar) gewesen. Reine Standalone-Lösungen wie Yoyimbo konnten sich deshalb auch bei mir nie durchsetzen.
Hinzu kommt die momentan sehr hohe Geschwindigkeit, in der sich die tragbaren Rechner entwickeln. Man vergleiche iOS 1 und das erste iPhone mit den jetzigen Möglichkeiten, z.B. der Bearbeitung von HD-Videos in iMovie direkt auf dem iPhone. Dafür hatte Apple früher einen speziellen iMac im Programm!

Womit wir wieder beim Desktop wären. Momentan ist er unverzichtbar. Aber er fühlt sich an wie die Videokassette, die CD und das merkwürdig riechende Sofa der Oma. Ein Relikt einer vergangenen bzw. vergehenden Zeit, in der man Daten nicht direkt anfassen konnte und sich bewusst vor den Rechner setzte. Wenn ich heute mein 1,5 Jahre altes Alu-MacBook anschaue - ein unbestreitbar elegantes, hübsches und flaches Gerät - so sehe ich ein Auslaufmodell, was sich alt und klobig anfühlt und eine Tonne wiegt.
Mitte 2010 äußerte sich Steve Jobs auf der All Things Digital. heise schrieb dazu:
“Wenn wir eine Agrarnation wären, wären alle Autos Lastwagen, denn die würden am meisten benötigt.” Autos seien mit dem Wachsen der Städte populär geworden. PCs würden ähnlich wie Lastwagen auch weiterhin benötigt, aber nicht mehr von allen. Fortschritte in der Chip- und Softwareentwicklung könnten dafür sorgen, dass auf Geräten wie dem iPad Arbeiten möglich werden, die bisher auf herkömmlichen Computern erledigt werden.
Er hat vollkommen recht. 25% Marktanteil bei PCs stimmen ihm ebenso zu wie die aktuellen Verkaufszahlen: 60% der Verkäufe entstammen Produkten, die vor drei Jahren noch nicht existierten.
In wenigen Jahren wird es selbstverständlich sein, bei Computern zuerst an Tablets oder Smartphones zu denken. Die heutigen Rechner werden nach wie vor existieren, aber zunehmend nur von Personen gekauft werden, die spezielle Aufgaben erfüllen und diese z.B. beruflich benötigen. Es wächst eine Generation heran, für die “CD” wieder nur eine Seife ist, die Musik streamt und ihr Leben in Social Networks teilt. Immer und überall. Desktop-Rechner passen hier nicht mehr rein. Auch für das MacBook wird es eng.