Ein Monat Kindle: Wie liest es sich so?
Zeitreise
Der Kindle ist ein Gerät, welches wie aus der Zeit gefallen wirkt. Mit dem langsamen Display und seinen zwei Funktionen (Bücher lesen und im Web browsen) wirkt es neben Alleskönnern wie dem iPad wie ein Greis. Dabei sorgt diese Limitierung für eine wunderbare Entschleunigung. Sicherlich kann ich auch auf dem iPad oder iPhone Kindle-Bücher lesen, aber dort gibt es immer noch Benachrichtigungen, Spiele, Musik, Podcasts und etliche anderen Dinge, die ich anstelle, zwischendurch oder parallel machen kann. Der Kindle kann dagegen kaum mehr als ein Buch sein oder, bei erreichbaren WLAN, ein Web-Browser, der in seinem absurd langsamen Bildaufbau an alte Mailboxzeiten erinnert. Das gefällt mir.
Knapp zehn Tage hat es gedauert, bis der Kindle bei mir als technisches Gerät entschwunden ist. Ich saß in der S-Bahn und las. Der Kindle war nur noch ein Buch. Er fühlte sich an wie ein Buch. Er sah aus wie ein Buch. Dazu brauche es drei Dinge: Eine geänderte Schriftart, einen geringeren Rand links und rechts und eine wertige Aufklapphülle ohne Schnickschnack.
Die Schrift
Die normale Kindle-Schriftart ist für meine europäischen Augen zu sehr an der Serifenschriftart des US-Buchdrucks verhaftet. Außerdem liegt meine bevorzugte Schriftartgröße zwischen den einstellbaren Werten 3 und 4 und der Wert 4 macht die Schrift nicht nur deutlich größer, sondern auch extrem breit. So breit, dass teilweise nur noch drei Wörter auf eine Zeile passen.
Als Schriftart habe ich eine eher schmale, gut lesbare, leicht verschnörkelte, zierliche aber dennoch nicht dünne Schriftart gesucht, die elegant aussieht und den Text aufwertet. Entschieden habe ich mich für Overlock, welche mir so gut gefällt, dass ich mich auch noch nach Wochen an der kleinen Kurve im “W” erfreuen kann:

The Overlock typeface family was selected by the Letras Latinas Biennal in 2006. The initial idea of this typeface was to simulate the Overlock sewing technique. The special thing about these forms is the warm feeling that they give to your text, because of the particular rounded glyph shapes that emerge. As a result, the Overlock typeface family is great for titles and short texts in magazine style layouts.
Zu finden bei den Google Webfonts. Wie man Schriften auf dem Kindle ändert hatte ich früher beschrieben.
Die Kindle-Hülle
Als Hülle habe ich mich für Amazons Original-Lederhülle mit eingebauter Lampe entschieden. Sie lässt sich aufklappen wie ein Buch, der Kindle lässt sich mit ihr halten wie ein Buch, sie verunstaltet den Kindle nicht durch Laschen oder Gummibänder und die kleine Leselampe bezieht ihren Strom aus dem Kindle-Akku. Eine Rundum-Sorglos-Hülle, die dem kleinen Kindle eine analoge Wertigkeit verleiht, welche dem Lesegefühl sehr zuträglich ist.

Alles gleich
Der Kindle sorgt für eine Vereinheitlichung der Bücher: Alles erscheint in der von mir gewählten Schriftart und Größe. Jedes Buch wiegt gleich viel. Jedes Buch ist gleich groß. Das funktioniert für die meisten Romane sehr gut. Grenzen gibt es natürlich: Extrem laut und unglaublich nah würde ich genauso ungern als eBook lesen wie die Unendliche Geschichte mit ihrem mehrfarbigem Druck. Farbige eInk könnte meine Meinung natürlich in Zukunft verändern.
Immer dabei
Der Kindle hat dafür gesorgt, dass ich immer und überall ein Buch dabei habe, da er - auch mit Hülle - in meine Jackentasche passt. Zudem erhalte ich täglich die letzten zehn gemerkten Webseiten per Instapaper zugeschickt und kann, dank iVocabulary-Export, auch wunderbar Vokabellisten lernen. Ich lese deutlich mehr.
Der Verlierer: Das iPhone wird kaum noch für Zerstreuung genutzt.
Die von Amazon angegebene Akkulaufzeit von vier Wochen (ohne WLAN) passt. Mit WLAN und Nutzung der Lampe verringert sich die Zeit geringfügig. Ich habe den Kindle in den vier Wochen bislang 2x aufgeladen, wobei er jedes Mal bei 50% Ladestand war. 3-4 Wochen täglicher Nutzung halte ich für sehr realistisch.
Elektronische Tine
Die verwendete elektronische Tinte ist faszinierend. Die Auflösung bewegt sich mit 167ppi zwischen dem iPad (132ppi) und iPhone (300+ppi). Die Darstellung wirkt organischer als z.B. beim iPad, da kein Pixelraster sichtbar ist und die kleinen Farbkügelchen in den Pixelröhrchen auch alle unterschiedlich geformt sind. Im Vergleich zum Retina Display des iPhones könnte der Kindle aber durchaus noch mehr Schärfe und Detailtiefe vertragen. Das “Druckbild” entspricht eher einer Altpapierzeitung.
Die Temperaturempfindlichkeit des Displays umgehe ich bei aktuellen -10 Grad Celsius, indem ich den Kindle - samt Amazon-Hülle - für den Transport in der Jacke in eine zweite Hülle (eine “Socke”) stecke und nicht draußen lese oder nur für wenige Minuten. Bislang hat er das überlebt. Dabei ist mir allerdings auch aufgefallen, dass ich Holzbücher ebenfalls bei solchen Temperaturen nicht unbedingt draußen lese, da ich mit Handschuhen zu schlecht umblättern kann. Die Einschränkung durch die Null-Grad-Grenze ist somit bislang kaum vorhanden.
Ohne Licht geht’s nicht
Eine Stärke ist das Verhalten des Displays bei Licht: Je mehr Licht auf das Display fällt, desto kontraststärker und somit besser lesbar wird es. Schon bewölktes Tageslicht reicht aus, um sehr gut lesen zu können, bei grellem Sonnenlicht wird es eher noch besser. Das bedeutet aber auch: Je weniger Licht auf das Display fällt, des schlechter lesbar wird es. Wer z.B. am Tage in eine unbeleuchtete Straßenbahn einsteigt, dessen Display wird sofort in einen schlammfarbenen Brei zusammen fallen. Papier bleibt auch bei solchen Situationen problemlos lesbar. Glücklicherweise sind Bahnhöfe und Züge in der Regel so grell beleuchtet, dass die Kontrastschwäche zumindest unterwegs kaum auffällt.
Was im Gegensatz zu Papier dagegen wunderbar reflektiert wird, sind Lichtquellen. In der U-Bahn, wo die Leuchten z.B. oben hinter mir angebracht sind, muss ich den Kindle fast aufrecht halten, damit ich keinen Lichtkegel auf dem Display habe, der die Schrift überdeckt.
Somit bleibt für das Display ein widersprüchliches Fazit: Der Kindle brilliert in allen Situationen, in denen ich auf dem iPad gar nichts mehr erkennen kann, vor allem draußen aber auch in grell beleuchteten Räumen, wo das iPad-Display hauptsächlich Lampen anzeigt, aber keine Inhalte mehr. In meinem Wohnzimmer wünsche mir dagegen ein helleres Display. Hier punktet das iPad. Dennoch bevorzuge ich auch hier den Kindle (notfalls mit der in die Hülle eingebauten Lampe), denn das iPad ist mir vom Gesamtgefühl zu sehr vom Buch entfernt als der Kindle.
Was kann man denn lesen?
Das eBook-Angebot ist durchwachsen. Grundsätzlich gilt: Je aktueller das Buch ist, desto wahrscheinlicher kann man es als eBook kaufen. Aber schon nur wenige Jahre alte Bücher fehlen. Teilweise sind komplette Autoren nicht im Sortiment enthalten. Ich habe mich bislang durch acht Perry Rhodan neo-Hefte, Niemalsland von Neil Gaiman und Böses Blut von Arne Dahl gelesen. Auf meiner Kindle-Wunschliste liegen noch knapp 200 Bücher, die auf mich warten. Auch wenn ich also auf Tom Clancy verzichten muss, es gibt viel anderes, allerdings in der Regel zu Preisen, die nur ganz knapp unter dem Taschenbuchpreis liegen.
Angenehm ist, dass Amazon, ähnlich wie Apple, Leseproben anbieten. So kann man weit in das Werk hineinschnuppern und sich dann entscheiden, ob man weiter lesen möchte.
Und das Fazit?
Der Kindle ist ein tolles Gerät, weil er wenig kann. Er verlangt keine Aufmerksamkeit, er lenkt nicht ab und er verführt nicht zu anderen Dingen. Er lässt einen nur Lesen. Und das macht er ausgesprochen vorzüglich, sogar so weit, dass ich den Kindle nach Beginn des Lesens nicht mehr als technisches Gerät wahrnehme, sondern als Buch, von dem ich Seite um Seite verschlinge. Die Möglichkeit der Leseproben ist toll, ebenso wie der automatische Push gekaufter oder vorbestellter Bücher auf das Gerät, der Support von Instapaper, die Möglichkeit, Dokumente an den Kindle zu schicken und und und.
Kurz gesagt: Ich bin begeistert und mich stören tatsächlich nur drei Dinge:
- Das Display dürfte gerne mehr Licht reflektieren und die Hintergrundfarbe weniger grau, dafür aber gelblicher sein. Ich wünsche mir folglich mehr Papier im Kindle.
- Liebe Verlage, bitte gebt mir mehr Autoren und senkt die Preise noch ein bisschen, z.B. auf 70% des Taschenbuchpreises.
- Ich wünsche mir bessere Sortiermöglichkeiten auf dem Gerät, z.B. mit Smart Playlists, wie sie iTunes bietet (Beispiel: Filterung nach Wertung, ausgelesen, Genre “Thriller”).