Liebe Piraten,
seit Tagen und Wochen verbleibt mein Mund in entsetzter O-Stellung, wenn ich auf unsere Mailinglisten und Twitter-Accounts schauen. Da wird unser Landesvorsitzender zerlegt und zerlegt sich selbst, was dann in einer Rücktrittsforderung seiner “Freunde” endet, die sich ja nur Sorgen um ihn machen. Da endet das PAV gegen Bodo wegen eines Formfehlers im Nichts, wofür wir in Talkshows angebrüllt werden. Da kandidiert jemand für den Buvo, der “Mein Kampf” frei zugänglich machen und das Leugnen des Holocausts nicht mehr unter Strafe stellen möchte. Und da begeht Martin Delius den dummen Fehler, das Wachstum der Piraten mit dem Wachstum der NSDAP zu vergleichen, was natürlich wunderbar aus dem Zusammenhang gerissen werden kann.
All diese Situationen regen mich nicht auf. Wir können gerne darüber diskutieren, was wir innerhalb der Partei und außerhalb der Partei im Sinne der Meinungsfreiheit ertragen möchten und was nicht, bis hin zum Zerrbild, in der Gesellschaft eine Meinungsfreiheitsform nach amerikanischem Vorbild und in der Partei eine rein satzungskonforme haben zu wollen. Das Verfahren gegen Bodo wird wieder aufgenommen werden. Hartmut und Martin haben aus ihren Fehlern gelernt. So sieht das erst einmal recht objektiv betrachtet aus.
Was mich aufregt ist unser Umgang mit diesen Situationen! Wie ein hysterischer Haufen Hühner, in den man gerade den Wolf geworfen hat, rennen wir wild durcheinander, schreien uns an und beleidigen uns. Dank der größeren medialen Aufmerksamkeit kommt das natürlich auch alles in der Öffentlichkeit an - passend verzerrt, um die Piraten in einem eher schlechten Licht dastehen zu lassen. Grund genug, uns wieder gegenseitig anzupissen, parteischädigendes Verhalten vorzuwerfen und weitere Rücktritte zu fordern.
Liebe Piraten, merkt ihr nicht, wie ihr euch verhaltet? Merkt ihr nicht, dass ihr im Wahlkampftaumel nur noch Angst um Stimmen habt und vollkommen vergesst, dass zu dem Machen von anderer Politik auch ein anderer Umgang mit Fehlern gehört? Merkt ihr nicht, dass die Medien nicht nur gut sind? Dass die Medien Quote/Auflage machen möchten und deshalb kontroverse Themen bevorzugen, Themen, bei denen es evt. innerparteilich noch keinen Konsens gibt und bei denen wir deshalb in Diskussionen nur verlieren können? Merkt ihr nicht, dass IHR SELBER dieses System gerade antreibt und immer weiter beschleunigt? Merkt ihr nicht, dass wir keine politischen Inhalte mehr transportieren, sondern nur noch Hysterie, dass wir nicht mehr führen, sondern geführt werden?
Krönung war für mich folgender Tweet:

Möglicherweise möchten mir die Siegener Piraten erklären, was sich durch einen Rücktritt von Martin Delius und somit dem Verbleib von nur noch 14 Piraten im Berliner Abgeordnetenhaus für den Siegener Wahlkampf verbessern würde. Oder was auch immer mit “zurück tretten” gemeint war.
Wir waren in den letzten Tagen und Wochen nicht einmal in der Lage, auf die offensichtlichsten Dinge zu reagieren. Ja, da gibt einige müde Meldungen über die Vorratsdatenspeicherung und die Gema. Aber wo wird gegen den Innenminister vorgegangen, der gerade gelogen hat? Wo wird über das YouTube-Urteil gesprochen? Wo wird der Herr Rösler angegangen, der uns mit den Piraten vor Somalia verglichen hat? Wenn es vielen so wichtig ist, in den Medien zu sein, hätte man sich doch wenigstens an dieses Thema ranhängen und so in den Medien präsent sein können!
Was können wir also machen?