Vor einigen Tagen purzelte der vor Monaten vorbestellte neue Terry Pratchett-Roman “Steife Brise” auf meinen Kindle. Nach Lesen der ersten Seiten stellt sich eine irritierende Fremdheit ein: Ich erkenne die Charaktere nicht mehr. Sowohl der Umgang der einzelnen Personen untereinander als auch die Beschreibung der Personen und ihre Dialoge wirken vollkommen unbekannt. Der Stil wirkt hölzern und leer. Jede Verspieltheit ist verschwunden. Es wirkt wie ein Neuanfang der Scheibenwelt, den ein vertrockneter Beamter in seinem grauen Büro verfasst.
Die Ursache war schnell gefunden: Andreas Brandhorst übersetzt nicht mehr. Und die beiden neuen Übersetzer kennen offenbar die Scheibenwelt nicht. Ebenso offenbar die Lektoren nicht. Wer konsquent “Du” durch “Sie” ersetzt, wenn die Mitglieder der Stadtwache ihren Hauptmann nicht mehr mit “Herr”, sondern mit “Chef” anreden und wenn jegliche allwissende, selbstironische Betrachtung von Situationen des Lord Vetinari nicht mehr erkennbar ist, dann läuft im Verlag einiges schief. Man stelle sich nur vor, Douglas Adams würde neu übersetzt werden und die schräge Ausgeflipptheit bzw. verschlafene Überforderung eines Zaphod Beeblebrox und Arthur Dent wären nicht mehr vorhanden!
Ein Verlag sollte sich der Verantwortung, die er mit Übersetzungen eingeht, bewusst sein. In dieser Form wäre ich nicht als Jugendlicher Fan der Scheibenwelt-Romane geworden. Ich würde nicht seit der Mailboxzeit unter “truhe” unterwegs sein. Ich würde die Bücher sicherlich nicht bis heute - seit mehr als 20 Jahren - weiterhin im Bücherregal stehen haben oder das Scheibenwelt-Spiel in der Dosbox auf dem iPad mit mir herum tragen.
Die Ankündigung des Verlags, alle alten Romane neu übersetzen zu lassen, darf so nur als Drohung verstanden werden:
»Pratchetts Romane greifen immer auch gesellschaftliche Themen auf und haben eine erwachsene, bisweilen geradezu philosophische Ebene. Diese wurde bislang zu wenig sichtbar, weil des Augenmerk der früheren Übersetzungen anderswo lag. Das wird sich nun ändern« Manhattan-Verleger Georg Reuchlein im Interview mit BuchMarkt (12/2010).