
Ich bin seit 2008 bei Twitter. Mir gefällt der unverbindliche Stil von Twitter, bei dem man im Gegensatz zu Facebook nicht gezwungen ist zu antworten. Es rauscht. Und Twitter definiert sich aus den Personen, denen man folgt. Da mag es den Historiker geben, der den Twitter-Accounts folgt, die historische Ereignisse in Echtzeit über Jahre nachträglich twittern, den Softwareentwickler mit seiner Entwickler-Community und den Jugendlichen mit seinen Freunden. Mir gefällt, dass Twitter eine so offene Infrastruktur aufgebaut hat, dass sich etliche Dienste daran anschließen, es erweitern und so zu mehr machen als es eigentlich ist: Crossposts zu anderen Diensten (IFTTT), Fotobibliotheken (TwitPic), Archivierung (Evernote per IFTTT), Benachrichtigung bei Suchanfragen (RSS), komplette Support-Ticket-Systeme (Groove), Twittern von Links aus RSS-Readern (Reeder), Verwendung als Chat-System in Spielen (Lost Cities), Veröffentlichung von Blog-Artikeln (Twitterfeed) usw.
Auch die Applikationen, mit denen man Twitter verwenden kann, könnten unterschiedlicher nicht sein und haben mit ihren neu erdachten Elementen großen Einfluss. In den letzten Jahren hat z.B. Tweetie für das iPhone Pull-to-Refresh eingeführt - mittlerweile ein Bestandteil des Betriebssystems. Die grandiose iPad-App mit den verschiebbaren Ebenen hatte erstmals gezeigt, wohin man Apps auf dem iPad denken kann. Von Autorenwerkzeugen wie Wren bis zu umfangreichen Clients wie TweetBot ist mittlerweile alles vorhanden.
Nur hilft das alles nicht viel, wenn Twitter nicht mehr möchte. Der Betreiber ist momentan eifrig dabei, zumindest mir das zu nehmen, was mich zu Twitter gebracht hat: Die Freiheit, zu entscheiden wie und wofür ich seine Infrastruktur nutzen möchte. Es gibt z.B. Einschränkungen, welche Entwicklungen gestattet sind, für wie viele User und wie Tweets dargestellt werden sollen. Die Apps für das iOS wurden in den letzten Monaten nach kleineren Schrecklichkeiten wie einer Werbeleiste vollständig umgestaltet und haben keine Ähnlichkeit mehr mit ihren früheren Identitäten. IFTTT wurde abgehängt und somit meine Archivfunktion. Insgesamt herrscht eine große Unsicherheit. Welcher Entwickler sollte noch sein Geschäftsmodell auf einer solch wackligen Struktur aufbauen? Und wie soll ich als User mit einem Dienst umgehen, der mich zwingt, Tweets zu sehen, die ich nicht sehen möchte? Der mich zu einer Nutzung zwingt, die vielleicht ihm Geld einbringt, mich aber beschränkt?
Just in dieser Zeit kommt App.net auf den Bildschirm. Ein Social Network ohne Werbung. Gestartet mit etwa 500.000$ Startsumme, crowd-funded. Und auch offen für alle anderen, für 3$ im Monat. Jetzt seit etwa zwei Monaten in Entwicklung. Und nach diesen zwei Monaten gibt es:
Das klingt erst einmal nach einem ordentlichen Twitter-Klon. App.net betrachtet sich aber eher als das Social Network im Hintergrund. Was es für die User darstellt ist Sache der Clients. Theoretisch könnte jemand auf dieser Basis ein Twitter oder Facebook oder Instagram schreiben. Er müsste sich um den Client kümmern und hätte mit App.net die technologische Basis im Hintergrund.
Momentan ist die Verwendung noch Twitter-ähnlich. Es wird sich im Laufe der nächsten Monate zeigen, wohin es gehen wird. Aber bereits jetzt gibt es deutliche Unterschiede bei den unterschiedlichen Clients. Clients? Ja, es gibt bereits etliche Clients vor allem für das iOS. Selbst der Twitter-Platzhirsch Tweetbot ist mit dem Ableger Netbot vertreten und bietet gewohntes Twitter-Feeling. Felix ist wohl der eleganteste Client und muss sich funktional nicht hinter Netbot verstecken.
Eine Besonderheit ist der Client Rivr, der nicht nur das Posten von Texten und Bildern erlaubt, sondern auch von Bildern mit Filtern, Orten, Stimmungen und der Musik, die man gerade auf dem iPhone hört. In anderen Clients sehen diese Posts wie normale Textnachrichten aus, in Rivr wird aber jeweils eine andere Darstellung gewählt:
So angenehm es ist, dass binnen kürzester Zeit all das schon vorhanden ist, was in der Twitter-Welt mehrere Jahre gebraucht hat - wie nutzbar ist das denn? Die Nutzbarkeit hängt natürlich von den eigenen Erwartungen ab. Jeder Facebook-Klon hat es z.B. schwer, neue User zu erreichen, da theoretisch der gesamte Freundeskreis wechseln müsste. Und der Freundeskreis jedes Freundes. Also alle. Das funktioniert leider nicht.
Mein Test somit: Alles auf App.net umschwenken. Alle Repost-Funktionen z.B. von Instapaper, Google Reader oder YouTube gehen per IFTTT direkt nach App.net. Und von App.net wiederum automatisch zu Twitter und in das Evernote-Archiv. Damit kann App.net mein Primärsystem sein. Ich schreibe alles dort und es wird, sofern es nicht direkt an einen anderen App.net-User gerichtet ist, auch auf Twitter veröffentlicht.
Das Ergebnis: 25% der Personen, denen ich auf Twitter folge, sind auch auf App.Net. Davon scheinen einige den Account aber stiefmütterlich zu behandeln und das Meiste weiterhin auf Twitter zu posten. Diese Posts fehlen mir folglich. Auch die anderen 75%, die gar nicht auf App.net sind, fehlen zwangsläufig. Ersetzt werden sie durch viele andere interessante Leute. Auffällig dabei: Durch das richtige Threading und mehr erlaubte Zeichen in Posts funktionieren Diskussion auf App.net deutlich besser als auf Twitter. Es diskutieren mehr Leute ernsthaft miteinander. Das gefällt mir deutlich besser als auf Twitter. Auch Großereignisse wie der der Basejump werden mit entsprechenden Diskussion und höherer Post-Anzahl erhöht. Es handelt sich natürlich um weniger Posts als auf Twitter, aber mehr könnte ich ja eh nicht lesen.
Was in App.net fehlt sind etliche Spaß-Zweit-Accounts, die hier Geld kosten würden, sowie die massive Befüllung z.B. von Nachrichtenkanälen wie der ZEIT online. Da man auf App.net diskutieren könnte, könnte das hier eine Bereicherung sein und nicht nur ein RSS-Ersatz wie auf Twitter.
Im Zuge der “Verschlankung” der verfolgten Personen habe ich anschließend den Twitter-Account aufgeräumt, eine Menge unnötiger Personen entfolgt oder in Listen verschoben. Der ganze Piraten-Spam landet somit auf Twitter nicht mehr in meiner Timeline, sondern in einer Liste, die ich ab und an öffne, um sie wieder genervt zu ignorieren. Damit folge ich jetzt auf Twitter weniger Leuten als auf App.net…
App.net ist somit für mich weniger Rauschen als Twitter. Der Personenkreis ist vergleichbar mit dem, der 2008/2009 in Twitter anzutreffen war. Es gibt mehr Diskussionen und längere Posts. App.net ist für mich wertvoller. Dank der Crosspost-Möglichkeit zu Twitter muss ich dabei aber auch nicht auf Reaktionen aus der Twitter-Blase verzichten, die ich dann direkt auf Twitter beantworte.
Wenn ich die Posts der App.net-Entwickler und der Client-Entwickler lese, so habe ich hier eine engagierte, junge und “brennende” Gruppe von Leuten vor mir. App.net entwickelt sich in einer rasanten Geschwindigkeit. Es ist nach wenigen Wochen funktional dort angekommen, wo sich Twitter befindet. Ich kann mir kaum vorstellen, wo es bei diesem Tempo in einem halben Jahr stehen wird.
Glücklicherweise braucht App.net nicht Millionen von Usern. Es braucht nur so viele, um keine Verluste zu machen, da die Nutzer für den Dienst zahlen. Solange also die teilnehmenden Nutzer für sich einen Mehrwert sehen und bezahlen wird App.net weiter machen. Wir stehen erst am Anfang.