Analog
Die erste Nacht in der ersten Wohnung, irgendwann 1999, Berlin-Friedrichshain. Ich lehne an der Wand des ansonsten fast leeren Zimmers, laut spielt der CD-Wechsler die neue Tiamat-CD ab und ich tauche ein in deren Klanglandschaften, schwebe davon, genieße den Moment. Während draußen das Berliner Stadtleben herumprickelt. Es war eine Zeit, in der ich noch kein Handy besaß. Der Fernseher diente vor allem dem Abspielen von Videos aus der Videothek nebenan. Meine Computerleidenschaft befand sich auf einem absteigenden Ast: Ein altersschwacher PC mit FreeBSD wurde vereinzelt gebootet, um zwischen XEmacs und dem Opera-Browser zu wechseln - ich programmierte damals metal.de und thedarkchat.de.
Digital
Seitdem geschah, technisch betrachtet, einiges: Der Mac kam 2002 ins Haus, der iPod und eine Soundbridge 2005, 2006 ein Nintendo DS, das iPhone 2008, 2009 ein MacBook, 2010 ein iPad und eine XBox und Wii stehen auch noch herum. Jedes der Geräte bedeutete Veränderungen. Der iMac samt iTunes sorgte z.B. in erstaunlich kurzer Zeit für die komplette Verlagerung sämtlicher Musik auf den Rechner. Vorbei die Zeiten, in denen ich dem Wechsler komplizierte Abfolgen beibringen musste, iTunes erledigte dies schneller und einfacher. Vorbei auch die Zeiten, in denen ich CDs kaufen musste: Dank dem iTunes Store und neuerdings auch Amazon kommt neue Musik sofort ins Haus. Den iPod nano sah ich damals als das beste Stück Unterhaltung an, die ich jemals gekauft hatte: Ich konnte eine so umfangreiche Menge an Musik mit mir herum tragen, dass ich immer den passenden Song für die aktuelle Stimmung dabei haben würde und die kleine Soundbridge ermöglichte das Einschlafen zu Podcasts, die vom Rechner gestreamt wurden - “Schlaflos in München”. Mit dem Nintendo DS lernte ich wieder den Spaß an Computerspielen kennen, den ich Jahre zuvor durch die ersten 3D-Spiele verloren hatte. Gebannt saß ich in der Bahn und spielte Age of Empires und Super Mario. All diese Geräte verbindet eine Sache: Sie konnten wenig und machten das, was sie konnten, einfach und gut. Dies gilt selbst für den iMac, der als stationärer Rechner nur mäßig häufig wirklich benutzt wurde und dank EyeTV eher als Aufnahmestation denn als “Computer” verwendet wurde. Kurz: Es war eine geordnete, gezielte, bewusste und geradezu heimelig-analoge Nutzung.
Mobil

2008 wurde alles anders. Das iPhone kam. Das erste unfassbar handliche Gerät, welches alles konnte: Den iPod und den DS ersetzen, das abendliche Lesen von Blogs, das Mailen am iMac und das Betrachten von Filmen und Serien am iMac. Fortan konnte ich Musik hören und Serien schauen, wo immer ich war. Ich konnte in der Badewanne den RSS-Feed der ZEIT lesen und Dinge recherchieren. Unterwegs mit Freunden mailen. Jederzeit etwas spielen. Und natürlich - Web 2.0 und AppStore sei Dank - viel Zeit mit Unbekannten in Twitter oder flüchtig Bekannten in Facebook verbringen. Diese neuen Möglichkeiten habe ich genossen und alles wie ein Schwamm aufgesogen. Die Touch-Oberfläche war neu und grandios und die Möglichkeit, alles jederzeit machen zu können, empfand ich als Befreiungsschlag, sogar als Zeitersparnis, denn vieles, was ich z.B. Abends am Rechner erledigte, konnte ich nun unterwegs machen.
Multitasking
Doch diese vielen neuen Möglichkeiten kommen nicht mit mehr Zeit, diese zu nutzen. Sie konkurrieren miteinander und mit den ungenutzten Zeiträumen. Sie reiben sich aneinander auf. Und sie erzeugen Sog und Druck gleichzeitig: “Ich kann ja mal kurz [etwas spielen|in Twitter reinschauen|Feeds prüfen|nach neuen Apps schauen]”. Dementsprechend sieht eine iPhone-Sitzung heute meist so aus: Musik hören, dabei Feeds lesen und interessante zu Instapaper schieben. Twitter überfliegen und interessantes zu Instapaper schieben. Die Tagesschau und ZEIT überfliegen. Das Minispiel des Monats öffnen und kurz spielen (momentan Disc Drivin’). Anschließend kurz etwas in Instapaper lesen… Auch TV-Serien werden nicht mehr am Stück geschaut, sondern in kleinen Abständen, häufig unterwegs. Gerne unterbrochen durch andere Apps, die mit ihren Nachrichten die Wiedergabe unterbrechen. Die Zeit zerfasert und das, was man in ihr macht, auch. Fortan war nichts mehr geordnet, gezielt oder bewusst, sondern alles stets im Fluss ständigen Wechselns.
Abwehr
Verteufeln möchte ich alle diese Geräte nicht. Letztlich ist es uns überlassen, wie wir sie verwenden. Betrachte ich allerdings all die Menschen, die in der U-Bahn auf winzige Displays starren, auf ihnen herum wischen und sie wild antippen, so muss ich die Frage stellen, ob wir überhaupt in der Lage sind, mit Geräten umzugehen, die ein derart beständiges Unterbrechungspotential haben und jede noch so kleine Pause mit Ablenkung zu füllen vermögen. In den letzten Jahren konnte ich an mir selbst immer wieder Abwehrreaktionen erkennen: Alle paar Monate wird das iPhone geleert, ungenutzte Apps gelöscht, auf das Wesentliche konzentriert. Ich genieße Zeiten ohne iPhone, z.B. bei Auslandsurlauben. Und nach einigen Leseversuchen am iPad bin ich wieder bei richtigem Papier angekommen. Dennoch zieht es mich immer wieder in seinen Bann. Sog und Druck sind weiterhin vorhanden.
Aber langsam überwiegt Ernüchterung. Anstelle die Geräte für sinnvolle Dinge zu nutzen (wozu ich auch Spiele zähle), sind sie nur noch Überbrückungen für kurze Zeitspannen. Lange Zeitspannen werden ebenso genutzt und damit nur zu Aneinanderreihungen von kurzen Zeitspannen. Es fehlt die Konzentration auf einzelne Dinge, die bewusste Nutzung, aber auch die bewusste Nicht-Nutzung, um wieder Zeit spüren zu können.
Im Mai startet deshalb der Versuch, das iPhone wieder mehr zu einem Gerät zu machen, dass wenige Aufgaben gut löst und nicht mehr alles kann. Das iPad betrifft das übrigens weitaus geringer. Schon durch die schiere Größe des Geräts ist eine stetige Überall-Nutzung nicht möglich und die Verwendung zweckgebundener als beim iPhone.