Als vor einigen Tagen Civilization Revolution erschien, war mein erster Gedanke: “Endlich”. Endlich, weil mich bislang die Strategiespiele im AppStore entweder grafisch (Reign of Sword) oder von der Oberfläche und Spieltiefe her (Mecho Wars) nicht völlig begeistern konnten. Es fehlte somit für mich noch das Spiel, was alles richtig macht, so wie dies mit Age of Empires auf dem Nintendo DS geschehen ist. Civilization Revolution scheint diese Lücke füllen zu können. Das Spiel kostet 7,99€ [AppStore, Lite]. Mein Eindruck nach einigen Tagen mit diesem Spiel ist gespalten. Komplexität und Tiefe trifft auf ein nicht immer passendes Interface; eine Anleitung fehlt gar komplett. Warum es dennoch gelungen ist, erfahrt ihr im Review.
Doch fangen wir von Vorne an: Civilization Revolution ist die aktuellste Variante der Civilization-Serie, die 1991 von Sid Meier geschaffen wurde. Hierbei führte man ein Volk von der Steinzeit in das Raumfahrtalter. Dabei war es stets vorrangiges Ziel, das eigene Imperium größer, mächtiger, fortschrittlicher und reicher zu machen als die Konkurrenz. Civilization bot hierzu verschiedene Fortschrittsmöglichkeiten in den Bereichen Zivilisation (Kultur), Technologie und Wirtschaft an.
Zu diesem Spiel gab es etliche Fortsetzungen, bis Mitte 2008 Civilization Revolution ausschließlich für Konsolen erschien. Der Spielumfang und die Grafik wurden entsprechend optimiert (manche sagen auch, “verringert”). Interessant ist, dass alle Varianten von Civilization Revolution die gleiche Spieleengine verwenden und pro Plattform (XBox 360, Nintendo DS, iPhone) nur die grafische Präsentation angepasst wurde. Dennoch ergeben sich spielerisch einige Unterschiede, auf die ich später eingehen werde. Am offensichtlichsten ist allerdings der grafische Unterschied, wenn man z.B. die iPhone-Version mit der XBox-Version und dem Nintendo DS vergleicht:
http://www.youtube.com/watch?v=idh8qDr9ZrU
http://www.youtube.com/watch?v=TqblOqEcNCc
http://www.youtube.com/watch?v=C0_ANx6Mh2k
Selbst die Variante für den DS wirkt grafisch detaillierter. Trotz der stark stilisierten und schon fast comichaft anmutenden Grafiken der iPhone-Version versteckt sich dahinter ein vollwertiges Civilization Revolution. Dies bedeutet aber auch, dass man pro Spiel mehrere Stunden Zeit einplanen muss. Leider ist das eingebaute Tutorial nicht wirklich hilfreich, einem die Merkmale des Spiels näher zu bringen. Es werden Grundlagen wie die Bewegung der Einheiten erklärt, aber selbst das deutlich schmächtigere Mecho Wars kommt mit einem ausführlicheren Tutorial, welches in mehreren Missionen alle Einheiten und deren Verwendung demonstriert. So tappt man zunächst im Dunkeln, wenn es um die Verwaltung der Städte, Diplomatie, Ressourcenverteilung, das Bauen von Straßen und den Technologiebaum geht. Für den Einsteiger empfehlen sich deshalb folgende Quellen:
Die iPhone-Version bietet Kampagnen und freie Spiele. Es stehen unterschiedliche Schwierigkeitsgrade zur Verfügung. Jedes Spiel wird als bestimmter nationaler Führer gespielt, z.B. Mao oder Lincoln, die dem Volk Standardeigenschaften geben, wie z.B. stärkere Kampfeinheiten oder bessere Bildung. Somit wird durch die Wahl des Führers ebenfalls festgelegt, welche der unterschiedlichen Entwicklungslinien des Spiels bevorzugt gewählt werden sollten. Civilization Revolution kann nämlich nicht nur durch Besiegen aller anderen Nationen gewonnen werden. Stattdessen gibt es folgende Möglichkeiten:
Doch wie spielt sich Civilization Revolution nun? Gestartet wird mit einem Besiedlungswagen. Dieser zeigt um sich herum an, wieviele Ressourcen die aktuelle Gegend bietet. Ist man bei einer passenden Gegend angekommen, so baut man dort seine Siedlung auf.
Die Bewegung von Einheiten wird per Drag and Drop ausgelöst. Jede Einheit kann eine bestimmte Anzahl von Schritten bewegt werden. Dies wird beim Ziehen der Bewegungslinie durch weiße und gelbe Hervorhebungen angezeigt. Die gelben sind nicht mehr in dieser Runde erreichbar.
Aktionen können durch Antippen der Einheiten ausgelöst werden. So kann dort ein Bewegungsmodus ohne Drag and Drop erreicht werden, die Einheit kann sich mit anderen Einheiten auf dem gleichen Feld zusammen schließen (dafür braucht man drei Einheiten auf einem Feld), ein Verteidigungsmodus kann aktiviert werden und die Einheit kann sich heilen. Beim erwähnten Siedlungswagen wird auch der Button für den Bau der Siedlung angezeigt.
Steht die eigene Stadt, kann man über einen Button in der immer vorhandenen rechten Navigationsleiste von der Landkarte auf die Stadtkarte umschalten. Dort stehen einem die Verwaltungsinstrumente der Stadt zur Verfügung. Der linke Bereich dient dem Bau von Einheiten, Gebäuden, Wundern und Straßen.
Im rechten Bereich gibt es einen “City Focus”-Button, der in die Ressourcenverwaltung wechselt. Hier wird es dann etwas komplizierter:
Jede Stadt kann Gold, Nahrung, Produktion (Einheiten, Gebäude, Wunder) und Wissen erarbeiten. Wie diese Stadt ihre Arbeiter verteilt, kann entsprechend eingestellt werden: Man kann die Arbeiter gleichberechtigt verteilen oder eine der vier erwähnten Gruppen bevorzugen. So kann z.B. schneller gebaut werden, wenn Produktion bevorzugt wird und die Stadt vergrößert sich, wenn mehr Nahrung produziert. Außerdem gibt es noch eine vollständig manuelle Verteilung, bei der man die Arbeiter den einzelnen Produktionsorten der Stadt zuordnet:
Hat man sich einige Kampfeinheiten aufgebaut, kann man diese auf der Landkarte bewegen und so die bislang unkenntlichen Bereiche der Karte sichtbar machen. Dabei wird man recht zügig auf kleinere Barbarendörfer oder andere Nationen treffen. Die anderen Nationen lassen sich bekriegen oder man schließt Frieden. Gekämpft wird, indem die eigene Einheit auf die gegnerische Einheit gezogen wird. Anschließend wird das Kräfteverhältnis angezeigt und man kann den Kampf starten oder abbrechen. Sind alle gegnerischen Einheiten in einem Siedlungsgebäude vernichtet, so kann dieses übernommen werden, indem man eine eigene Einheit auf Gebäude zieht. Sind alle Siedlungsgebäude übernommen, so gehört einem dieser Bereich der Landkarte vollständig.
Natürlich kann man auch neue Siedlungswagen bauen, auf der Landkarte umher ziehen und so friedlich weitere Städte erschaffen. Da das ständige Umherziehen Zeit kostet, sollte diese eingespart werden, indem zwischen den Städten Straßen gebaut werden. Die Bewegung einer Einheit von Stadt zu Stadt kostet dann nur noch einen Schrittpunkt. Dies gilt aber auch für Gegner, so dass man schnell überrannt werden kann!
Der größte Unterschied zu den ausgewachsenen Konsolenversionen ist die Kartengröße. Die Karten auf dem iPhone sind so klein, dass man schon bei drei eigenen Städte Probleme bekommt, diese zu Platzieren und wachsen zu lassen. Außerdem sind Straßen nicht mehr passierbar, wenn dort eine gegnerische Siedlung platziert wurde. So lassen sich Streitigkeiten und andere Einflussnahmen irgendwann nicht mehr vermeiden: Zwischen den Nationen kann Krieg ausbrechen. Gleichzeitig kann aber auch die Kultur einer Stadt von einer anderen beeinflusst werden. Durch Tempel und Persönlichkeiten entwickelt eine Stadt kulturelle Größe. Je größer, desto stärker ist ihr Einfluss auf umgebende Spielfelder. Die eigene Stadt kann durch diesen Einfluss die Seiten wechseln! Verhindert werden kann dies durch den stärkeren Aufbau der eigenen Kultur (bei einem gewünschten kulturellen Spielsieg) oder den Bau einer Mauer (bei gewünschtem Spielsieg durch Krieg).
Am interessantesten ist aber die technologische Entwicklung: Diese beeinflusst die wirtschaftliche Leistung, die kulturellen Möglichkeiten und natürlich die Kampfkraft. Der Begriff der technologischen Entwicklung ist sehr weit gefasst und reicht z.B. vom Lesen, Schreiben und Rechnen über Währungen, Schmiedekunst bis hin zur Kernenergie. Diese Technologien sind in einem Technologiebaum abgebildet, deren Abhängigkeiten man sich anschauen kann. Je nach gewünschter Art des Spielsiegs kann die Technologie entsprechend der Abhängigkeiten entwickelt werden. Eine Nation kann nur eine Technologie gleichzeitig erforschen. Ist diese abgeschlossen, stehen automatisch neue Einheiten, Gebäudetypen usw. zur Verfügung und es werden neue zu erforschende Technologien vorgestellt, von denen eine ausgewählt werden kann.
Das Spiel bietet noch etliche weitere Besonderheiten, wie unterschiedliche Politikformen und der Handel mit Gütern oder Technologien. Dazu möchte ich euch auf die oben verlinkten Dokumentationen verweisen.
Die Unterstützung der Besonderheiten von Apples Plattform ist gut gelungen. Das Spiel läuft auch auf einem betagten iPhone 2G komplett flüssig und die berichteten Ruckler scheint es nur in der Lite-Version zu geben. Der Stummschalter funktioniert wie erwartet, die eigene iPod-Musik kann gespielt werden und das Spiel wird bei Unterbrechungen von außen, wie Anrufen, Push-Notifications oder dem Druck auf die Home-Taste, gespeichert. Allerdings auch nur dann - stürzt das Spiel ab, so wird der letzte Autosave-Zustand wieder hergestellt, der durchaus mehrere Stunden alt sein kann. Glücklicherweise gibt es zehn manuelle Speicherplätze, so dass man jederzeit selbst speichern und auch zwischen unterschiedlichen laufenden Spielen wechseln kann. Eine iPhone-freundliche Rotation um 180 Grad ist nicht vorgesehen.
Wie ist nun der Gesamteindruck? Civilization Revolution ist angenehm komplex. Die Spielzeiten sind lang, aber nicht langatmig. Man merkt, dass sich unter der Oberfläche Großes verbirgt. Leider kann mich genau diese Oberfläche nicht völlig überzeugen. Sie funktioniert leidlich, ist sich aber gerne selber im Weg, z.B. wenn Interface-Elemente wie Schalter oder die Coverflow-Sicht der Führer aussehen wie normale OS X-Elemente, sich aber anders verhalten, die Karte nicht automatisch mitscrollt und man bei Dutzenden Einheiten angeben muss, dass diese in der aktuellen Runde nichts machen sollen, damit man diese beenden kann. Gut funktioniert dagegen die Stadtverwaltung. Somit ist Civilization Revolution ein solides Strategiespiel mit kleinen Mängeln in der Oberfläche, die problemlos in Updates behoben werden können.
Meine Kritikpunkte dürfen dabei nicht überbewertet werden. Zum Vergleich: Selbst zusammen genommen nervt mich alleine das ständig aufpoppende “du bist dran”-Fenster bei Mecho Wars mehr als alle folgenden Punkte:
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