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Vor 4 Monaten gepostet

Das Dilemma der ZEIT-App

Als vor einigen Wochen die neue ZEIT-App veröffentlicht wurde, freute ich mich sehr. Seit Erscheinen des iPads wartete ich auf eine zu dem Gerät passende Möglichkeit, die ZEIT lesen zu können. Der Spiegel hatte vorgemacht, wie gut man eine gedruckte Ausgabe auf dem iPad anbieten kann. Doch die ZEIT-App enttäuscht. Sie hängt in der Vergangenheit fest und hinkt der Website hinterher.

Doch beginnen wir am Anfang: Die ZEIT-App macht zunächst alles richtig: Aufgeräumtes Layout, gut lesbares Schriftbild, vertikale und horizontale Darstellung, viel Weißraum, ein übersichtliches Inhaltsverzeichnis, eine “Meine ZEIT” genannte Merkliste für Artikel, Lesezeichen, Suche über alle Artikel, vollständige Offline-Fähigkeit usw. Es ist eine gute und durchdachte App, mit der die ZEIT am iPad gelesen werden kann. Sie ist so gut, dass ich mir sofort das digitale Abo der ZEIT geholt habe. Im Laufe der folgenden Ausgaben offenbarten sich Schwächen, die einerseits in Designentscheidungen der App ihre Ursache haben, andererseits in der Stärke von zeit.de. Auch der Umfang der einzelnen Ausgaben - mittlerweile insgesamt 1,8GB Daten - begeistert weniger.

Auffällig ist zunächst, dass Scrollen bzw. Wischen als zentrales Navigationselement verwendet wird. So wischt man sich durch die Ressorts, scrollt durch Artikel und wischt zum nächsten Artikel. Das Konzept des Blätterns - ein Kernelement der Spiegel-App - wird komplett ignoriert. Als Ergebnis wirkt die App unruhig. Das Auge muss sich ständig neu positionieren. Hinzu kommen zu kleine Tippbereiche. Die winzige Grafik, um Artikel zu “Meine Zeit” hinzuzufügen, ist schwer zu treffen. Nahezu alle anderen Navigationselemente sind ebenfalls zu filigran ausgeführt.

Anstrengend wird es, wenn man sich dann tatsächlich zielgerichtet bewegen und z.B. einen Artikel aus “Meine ZEIT” lesen und danach aus “Meine ZEIT” entfernen möchte: ZEIT-App öffnen, ZEIT-Ausgabe antippen, ZEIT lesen antippen, Titelseite antippen, Meine ZEIT antippen, Artikel auswählen, Artikel mit viel Gewische lesen, Artikel antippen, oben das kleine Symbol antippen, um den Artikel zu entfernen. Klingt anstrengend? Ist es auch. Artikel in dieser App zu lesen ist mittlerweile in meinem Kopf als “Arbeit” vermerkt und nicht als Vergnügen.

Doch hierbei handelt es sich um Details. Wirklich störend ist die Limitierung auf reine Offline-Ausgaben. Wöchentlich wird eine neue Ausgabe per Push-Notification angekündigt und kann anschließend in der ZEIT-App heruntergeladen werden. Die neue Kiosk-Funktion des iOS 5 mit Hintergrunddownloadfunktion wird nicht unterstützt. Nach dem Download können die ZEIT oder das ZEIT-Magazin gelesen und Artikel zu Meine ZEIT hinzugefügt werden. Möchte ich einen gemerkten Artikel der letzten Ausgabe lesen, so muss ich erst in diese Wechseln und dort Meine ZEIT öffnen. Hier wird das Ausgabenkonzept überstrapaziert. Wie gerne hätte ich z.B. eine übergreifende Merkliste - und einen Hinweis, dass die Merkliste noch Artikel enthält.

Mit Artikeln kann ansonsten nichts gemacht werden. Ausschnitte können nicht auf Facebook oder Twitter verteilt werden, man kann nicht kommentieren, es gibt keine verwandten Artikel usw. Sprich: Es fehlt alles, was man eigentlich von einer zeitgemäßen App erwartet. Selbstredend kann ich einen Artikel auch nicht an Instapaper übergeben und dann auf dem iPhone lesen (die ZEIT-App existiert nur für das iPad).

Existenzbedrohend wird es, wenn man sich parallel dazu zeit.de anschaut. Denn während man sich die Woche über in der ZEIT-App bewegt, werden unbemerkt alle Artikel der Ausgabe auf zeit.de online gestellt und können dort kostenlos gelesen werden. Sie können auf Facebook oder Twitter verteilt, kommentiert und an Instapaper übergeben werden. zeit.de enthält ein Archiv seit 1946 (!). Und zeit.de ist optimiert für das iPhone und iPad und erscheint in entsprechend angepassten Layouts auf den Geräten.

Für wen ist also die ZEIT-App gedacht? Selbstverständlich für den Personenkreis, der fast immer offline ist. Und für den Personenkreis, der die Beiträge als erstes lesen möchte. Doch wie groß ist dieser? Die ZEIT ist eine Wochenzeitung und die Artikel lesen sich nicht in einer halben Stunde weg, sondern benötigen Tage, in denen sie aber bereits online erschienen sind. Ich bin mehrmals am Tag auf zeit.de unterwegs und stolpere zwangsläufig über die dort veröffentlichten Artikel. Sie werden in meinen Instapaper-Account überführt, dort gelesen, evt. mit einem “Like” versehen und somit auf Twitter weiter verteilt. Die ZEIT-App ist damit leider überflüssig.

Anders würde es aussehen, wenn die ZEIT-App mit zeit.de zusammen arbeiten würde. Wenn sie Querverweise, Kommentare und Anbindungen an andere Apps bieten würde. Bislang fehlt dies aber vollständig.

Interessanterweise kann mich die ZEIT auf dem Kindle mehr überzeugen. Auch hier handelt es sich um eine reine Offline-Ausgabe, die jegliche Online-Verbindung missen lässt. Allerdings: Hier schmökere ich, blättere ich durch verschiedene Artikel und habe viel mehr das Gefühl, eine Zeitung zu lesen, als ich es in der iPad-App habe. Und dank Push-Download, automatischem Löschen älterer Ausgaben und der Möglichkeit, einzelne Artikel separat zu archivieren, bietet die Kindle-Ausgabe sogar etwas mehr als die iPad-Version.