
Als Infinity Nikki angekündigt ↗ wurde, leuchteten meine Augen: The coziest Open World Adventure! Ich liebe Walking Simulator und Infinity Nikki verbindete alles, was ich mag, ohne das, was mich nervt: 3rd Person Adventure, Open World, schöne Landschaften, Exploration, Platforming, Collectathon, cute Tiere, Minispiele, eine Map, die leer ist und sich erst füllt, nachdem man etwas entdeckt hat, Magie, Fernkämpfe, anstelle eines Brawlers und vor allem: Keine Gefahren.
Als das Spiel erschien war es genau das, was beschrieben wurde: Ich folgte wie in einem üblichen Single Player-Adventure-Game der Story und hatte den Spaß meines Lebens, gedämpft nur durch die teils sehr drögen Dialoge und Fetch Quests.

Ich hatte zwar wahr genommen, dass Infinity Nikki ein Gacha-Spiel ist, aber während meines Spiels bemerkte ich nichts davon. Das Spiel führte organisch neue Funktionen ein und wenige neue Währungen, es drängte sich nie auf und lies mich einfach mein Zeug machen. Hinter jeder Ecke warteten neue Erlebnisse und sehr skurrile Möglichkeiten. Ich flog an einer Blume durch die Landschaft, fuhr Fahrrad, unterhielt mich mit Fröschen, lies mich von einer dicken Robbe durch die Gegend katapultieren, spielte Fußball mit einem riesigen Ball, stellte mein eigenes Feuerwerk zusammen und erkundete die Welt. Es gab nie irgendeine Gefahr und sterben konnte man nicht. Infinity Nikki erfüllte mir damit einen Wunsch, den ich seit Horizon Forbidden West hatte: Lasst mich diese Welt bitte einfach erleben, ohne dass hinter jeder Ecke irgendein Monster wartet. Infinity Nikki bot dies: Eine cozy Open World.



Nach dem Ende der Story kamen dann die ersten Brüche, denn ich lies mich auf die Gacha-Mechanik ein und auf das Grinden. Für das Silvergale-Outfit benötigte man viele Materialien und so erstellte ich mir einen Plan: Täglich die Daily-Aufgaben abschließen, dann hier Federn sammeln, dort Fische, dort Ingame-Währung usw. Wochenlang zog ich diese Routine durch, und konnte am Ende das Outfit bauen, welches das Spiel nicht einmal mit einer speziellen Animation würdigte. Ich fühlte mich etwas betrogen.
Aber ich spielte weiter, denn mit monatlichen Patches gab es neue Orte, Geschichten, Outfits und Gegenstände. Nur: Die Orte und Geschichten wirkten wertloser als jede Story des Hauptspieles, die Dialoge für Kinder geschrieben, schlecht übersetzt, sich ständig wiederholend. Manche dieser Patches waren reine Füller ↗, andere dagegen gelungen ↗. Das Spiel hielt einem die Karotte vor die Nase: Nächstes Mal wird es wieder gut! Nur, nächstes Mal wurde es selten gut. Infinity Nikki hatte sich von einem tollen, unterhaltsamen Spiel zu einer enttäuschenden Abarbeitung von Aufgabenlisten ↗ gewandelt.


Mit Version 1.5 ↗ wurde das Intro geändert, somit die Herkunftsstory von Nikki. Teile der Handlung wurden rückwirkend irrelevant. Es wurde ein neuer Bereich mit einem weiteren Set von täglichen Aufgaben eingeführt. Es gab mehr Währungen. Es gab absurd viele Bugs. Viele Spieler:innen waren wütend ↗, es wurde nutzlos online boykottiert. In folgenden Patches verbesserte sich die Qualität wieder, die Probleme der Patch-Stories blieben aber, ebenso die immer mehr werdenden Währungen und Aufgaben.
Mit Version 2.0 ↗ kam endlich die neue große Welt. Und sie war groß und neu, es fühlte sich wieder an wie zu Beginn des Spiels: Entdeckungen, skurrile Begegnungen, Spielspaß, sogar mit dem Bogen eine neue Waffe. Ich erkundete eine Welt von Riesen, ritt auf wilden Tieren, klebte mit einer Schnecke an der Decke von Höhlen, Sprang von einem riesigen Blatt zum nächsten und katapultiere mich mit einer der neuen Fähigkeiten durch die Gegend.

Aber das Bröckeln war auch hier immer spürbar: Die schlechteste Stealth-Mission der letzten Jahre, die einen bei jeder Begegnung wieder an den Anfang setzt, sowie ein Finale, in dem man das magische Kostüm, auf welches man hin arbeitet, plötzlich geschenkt bekommt. Ich fühlte mich abermals um meine Spielzeit und mein Erlebnis betrogen.
Ich zog einen Schlussstrich, als ein Patch eine Tierfarm einführte: Tiere pflegen, also weitere Aufgaben. Die nicht sonderlich tiefe Erkenntnis: Es wird nicht aufhören. Sie werden immer mehr in das Spiel stopfen, um die Zeit, die man im Spiel verbringt, zu strecken. Denn mehr Zeit im Spiel bedeutet auch potentiell mehr Möglichkeiten, irgendetwas zu verkaufen. Infinity Nikki raubt mir Zeit. Von den mehr als 400 Spielstunden in Infinity Nikki waren mindestens 200 das reine Abarbeiten von Aufgaben und Hoffen auf bessere Zeiten. Das sind 200 Spielstunden, die ich mit anderen Spielen hätte verbringen können.
Gleichzeitig gab mir Infinity Nikki einen Einblick in die Gacha-Spielewelten: Ständig neuer Content, ständig die Karotte vor der Nase, ständige Beschäftigung für Material-Grind oder tägliche Aufgaben, FOMO für zeitlich begrenzte Items und natürlich auch das Ausgeben von echtem Geld für manche Ingame-Gegenstände.
Auch, wenn ich nur an der Oberfläche gekratzt habe, sorgte Infinity Nikki damit für Klarheit, was ich nicht an Spielen haben möchte: Spiele müssen irgendwann zuende sein. Auch Spiele sind Erfahrungen und ohne ein Ende eines Spiels kann man keine weiteren Erfahrungen sammeln. Nach Infinity Nikki reagiere ich nun noch allergischer auf Season Passes, Ingame-Währungen, Echtgeld-Käufe und das Nachpatchen von Content.
Infinity Nikki hinterlässt aber eine große Lücke: Das Spiel, mit dem ich startete, existiert nicht mehr. Beginnt man jetzt mit Infinity Nikki bekommt man ein neues Intro, eine neue Story und wird direkt mit allen Gacha-Mechaniken und Währungen bombardiert. Infinity Nikki hat somit verraten, was es sein wollte: The coziest Open World Adventure. Und es gibt keine Alternative ↗.
