Der einfachste Weg, das Smartphone weniger zu nutzen ist, es nicht in ständiger Griffweite zu haben, sondern eingepackt in einer Tasche, sodass es z.B. nur noch für Fotografieren oder Pflanzen erkennen genutzt wird. Dafür habe ich einen Fokus “Unterwegs” konfiguriert mit eigenem entschlacktem Homescreen, keinen Benachrichtigungen und keinen Benachrichtungsböppeln, verwende einen separaten Music Player und habe mein Deutschlandticket durch eine Plastikkarte ersetzt, damit ich auch ohne Smartphone unterwegs sein kann.
Das alles sind kleine Schritte auf dem Weg zum Ziel, aber das wichtigste ist, erst einmal zu erkennen, dass es ein Problem gibt und dass die Streaming- und Social Media-Nutzung mehr schadet als hilft.
Was ich in den letzten Monaten bzw. Jahren geändert habe:
Social Media: Twitter#
- Persönliches Suchtpotential: Hoch
- Alternative: Fediverse (Mastodon)
Twitter hat zwei Probleme: Die Negativitätsspirale der Posts seit 2015 und den König der Lacksäufer ↗, der die Plattform dann vollends in den Boden gerammt hatte. Ich bin seit 2018 im Fediverse bei Mastodon. Problem gelöst.

TikTok#
- Persönliches Suchtpotential: Sehr hoch
- Alternative: YouTube Shorts
Ich startete mit TikTok 2020 oder 2021 und bin durch TikTok-Videos in Taylor Swifts Cinematic Universe, bei der Eras-Tour und in einer neuen Community gelandet, bin der App dafür also sehr dankbar. Gleichzeitig war der extrem schnell reagierende Algorithmus auch ein auffallender Zeit-Killer. Deutlich problematischer ist aber, wie sehr die ständig wechselnden Videos mein Hirn belasteten. Als ich bemerkte, dass ich mich immer ausgelaugter fühlte, nur durch das Scrollen durch Videos, habe ich TikTok gelöscht.
Instagram#
- Persönliches Suchtpotential: Gering
- Alternative: Fediverse (Pixelfed)
Instagram nutze ich seit Jahren nur passiv für Veranstaltungen oder Künstler:innen und nutze für eigene Bilder Pixelfed im Fediverse. Ich habe die Instagram-App vom Smartphone gelöscht und nutze es selten im Browser am Desktop.

YouTube#
- Persönliches Suchtpotential: Sehr hoch
- Alternative: Keine (Nutzung eingeschränkt)
In YouTube konnte ich dank der TV-App stundenlang von Reaction-Videos auf Musik, über Klemmbausteine und anderen empfohlenen Videos rotieren. Ich habe vieles probiert: Apples Bildschirmzeit mit der dazugehörigen Pin im Password Safe, der wiederum ebenfalls per Bildschirmzeit gesperrt war, Deinstallieren der TV-App und Installation nur am Wochenende etc.
Was am Ende funktionierte war die Nutzung im Destop-Browser am Schreibtisch, das Ausblenden von Shorts, Empfehlungen und der kompletten Homepage per Browser-Plugin am Desktop, die Deinstallation der TV-App, Airplay-Streaming vom Smartphone an den TV, sowie das regelmäßige Aufräumen der “Später anschauen”-Playlist. Dadurch sind so viele Hürden eingebaut, dass das Versinken in YouTube nicht mehr stattfindet.
Gleichzeitig ist YouTube mit den Shorts auf dem Smartphone eine Alternative für TikTok. Da der Algorithmus der Shorts deutlich schlechter ist als der von TikTok und sich mehr auf abonnierte Kanäle konzentriert, fehlt das Suchtpotential von TikTok.
Twitch#
- Persönliches Suchtpotential: Mittel
- Alternative: Keine (abgeschafft)
Auch Twitch war eine großer Zeitfresser und es war vor allem 2020 und 2021 eine herrliche Zeit, stundenlang oder tagelang bei Streams dabei zu sein. Da aber meine bevorzugte Streamerin vor geraumer Zeit aufgehört hat und mir Alternativen fehlten war es somit glücklicherweise automatisch vorbei mit mir und Twitch.
Netflix#
- Persönliches Suchtpotential: Hoch
- Alternative: Blu Ray
Ich war nie ein Sammler von DVDs. Ich nutze Video-Streaming seit 2013 in Form von Watchever, später dann Netflix. Was zu Beginn ein Segen war hat sich allerdings im Laufe der Jahre zu einer frustrierenden Erfahrung entwickelt: Abgesetzte, mit Cliffhanger endende Serien, schlechte bzw. mittlere Qualität und Decision Fatigue. Die Reißleine musste ich zehen, als ich bemerkte, dass selbst unterhaltsame Serien kaum noch mehr waren als Fast Food: Schnell verzehrt, sofort vergessen ↗. Die beständige Lieferung neuer, qualitativ schlechter oder mittlerer Inhalte sorgte für ein stetes Betrachten dieser, weil die Inhalte häufig interessant wirkten, ich mich aber nach wenigen Tagen oder Wochen schon nicht mehr daran erinnern konnte, sie überhaupt geschaut zu haben. Ich habe sogar “aufgesparte” Serien wie die zweite Staffel Arcane nicht angeschaut, weil anderer, schlechterer Content, interessant wirkte. Video-Streaming, speziell Netflix, wurde von einer guten Lösung zu einem Problem. Netflix musste somit weg.
Ersetzt wurde es durch Discs und es ist ein Segen, nicht mehr geflutet zu werden mit neuen Inhalten. Wenn ich nun eine Serie schaue, so schaue ich nur diese Serie. Es gibt keine Ablenkung durch neue Inhalte und es gibt keinen Automatismus, der die nächste Episode startet. Das Ergebnis: Bewussteres Konsumieren der Inhalte, weniger Stress und keine Decision Fatigue mehr.

Die Einstiegskosten sind erstaunlich überschaubar: Wenn man keinen Wert auf 4K HDR legt, bekommt man Filme und einzelne Staffeln für 1-3 Euro bei eBay ↗ (zzgl. Versand) und einen BluRay-Player ↗ mit sehr gutem 4K-Upscaling für um die 25€.
Nachteil von Discs allerdings: Teilweise geringere Immersion, weil Streaming-Dienste wie Apple und Disney+ Filme manchmal (selten) in 16:9 oder dem “kleinen” IMAX-Seitenverhältnis ausliefern, Discs dagegen meist Letterbox ↗ mit dicken schwarzen Balken oben und unten. Aus dem Kino (IMAX) bin ich das höhere Seitenverhältnis gewohnt.
Musik unterwegs: FiiO JM21#
In der Bestrebung, das Smartphone weniger zu nutzen, musste auch Spotify zurück stecken und CDs bzw. die davon gerippten FLAC-Dateien zogen ein. Der FiiO JM21 ist ein vergleichsweise günstiges Android-Gerät für diese Dateien, welches ohne gespeicherte Login-Daten, Store-Daten oder Spotify-Account-Daten betrieben werden kann – wie früher ein iPod. Ich habe nicht einmal einen Lock Screen aktiviert: Das Gerät ist sofort an und nutzbar. Es unterstützt Bluetooth inklusive LDAC und AptX HD, 3,5mm-Kopfhörer und 4,4mm-Kopfhörer. Die Musik kommt per SD-Karte rauf, oder wird, per SyncThing von einem Rechner übertragen. Auch das funktioniert ohne gespeicherte Login-Daten. Die Details stehen in früheren Artikeln.
Nach mehreren Monaten mit dem Gerät ist mein Fazit, dass es sehr gut funktioniert, Spaß macht und dazu beiträgt, nicht das Smartphone zu nutzen. Musik zu hören und sich auf sie zu konzentrieren ist wieder eine aktive Entscheidung. Dadurch bereitet Musik mehr Freude und sie entschleunigt.
Die Einstiegskosten sind ebenfalls erstaunlich überschaubar: 1-3 Euro pro CD bei eBay (zzgl. Versand) und ca. 200€ für den FiiO JM21, wobei es auch deutlich günstigere Geräte ohne Android gibt.
Music Player#
Ich habe auf dem JM21 den FiiO Music-Player installiert und Poweramp. Beide haben unterschiedliche Stärken und Schwächen.
FiiO Music#
Das User Interface ist altbacken. Playlisten werden nicht importiert. Es sortiert nach Artist, nicht Album Artist. Ständig muss die Library neu eingelesen werden, weil neue Alben nicht sauber erkannt werden.

FiiO Music ist aber in der Klangqualität besonders stark: Dynamik, filigrane Details, Positionierung der Instrumente, sind hier alle sehr gut umgesetzt. FiiO Music erzeugt eine breite Soundstage, der Gesang liegt im vorderen Bereich, die Instrumente werden klar erkennbar im Raum verteilt. Es ist eine Freude, die vielen verspielten Details wahrzunehmen.
Poweramp#
Poweramp gewinnt ganz klar mit seiner Bedienbarkeit. Schnelles, modernes Interface mit Touch-Gesten, Darstellung von Synced Lyrics, automatischer Playlisten-Import, automatische Aktualisierung bei Änderungen in der Bibliothek: All das meistert Poweramp perfekt. Es macht schlicht Spaß.

Abstriche muss man aber bei der Klangqualität machen, im Vergleich zu FiiO Music. Poweramp klingt grundsätzlich smoother, auch wenn ich alles an Konvertierungen, was abschaltbar ist, abschalte. Dies bedeutet, dass Details und Klarheit geringer ausgeprägt sind. In Taylor Swifts akustischer Version von Back to December fehlt Dynamik, die Instrumente sind weniger klar. Gleichzeitig wirkt der Song dadurch aber einfacher zu hören, denn nicht ständig möchte ich von Streichern in mein Ohr gepiekt werden. Poweramp hat also eine Art Komfort-Sound, während FiiO Music mehr analytische Darstellung ist.
Die unterschiedlichen Output-Möglichkeiten innerhalb von Poweramp unterscheiden sich dabei leicht: Der experimentelle HiRes-Modus arbeitet die Positionierung der Instrumente gut heraus, verteilt aber auch den Gesang mehr in der Breite und macht ihn leiser. Der AAudio-Modus setzt den Gesang dagegen mehr nach Vorne und bietet auch etwas mehr Spitzen in den Höhen. Die Einstellungen habe ich jeweils auf 44,1Khz fest getackert, womit der Poweramp-Resampler abgeschaltet wird, ebenso sind alle Equalizer und sonstigen Ton-Anpassungen deaktiviert, sodass Poweramp möglichst originalgetreu die 44,1Khz 16bit-Datei abspielen kann.
Bei all dem Gemeckere über Poweramp: Mein TV hängt per optischer Verbindung an einem Soundblaster GC7 DAC und Kopfhörerverstärker. Wenn ich dort den erwähnten Song abspiele klingt es so weich und matschig, als wäre die Bitrate auf ein 192Kbit-MP3 abgestürzt und klassische Instrumente hören sich künstlich an. Poweramp ist also akustisch weiterhin wirklich gut und wird meine primäre App bleiben, FiiO Music klingt nur noch einen Bruchteil besser.
Podcasts#
Testweise habe ich auch Podcasts auf das Gerät verschoben und nutze Antennapod. Im Vergleich zu Overcast unter iOS fehlen einige Funktionen, aber die Software ist gut ausgestattet und funktioniert, wenn man daran denkt, 1x pro Woche das Netzwerk zu aktivieren, damit sie neue Episoden laden kann.

Musik zuhause: Spotify, Alexa und Multiroom-Audio#
Dies ist eine große offene Baustelle, die ich mit geringer Priorität bearbeite im Kontext des langsamen Verlassens der verschiedenen US-Unternehmen. Ich verwende für Multiroomaudio mit Sprachsteuerung Alexa und Spotify. Das ist günstig und funktioniert sehr gut. Der Austausch davon bedeutet viel Zeit und Geld: Neue Sprachassistenz, neue Streamer und natürlich auch eine neue Quelle, von der die Streamer Musik abspielen sollen, entweder QOBUZ-Streaming oder die eigene Musik, ausgeliefert per lokal laufender Jellyfin-Installation oder direkt aus der Nextcloud. Ich habe mich vorerst damit abgefunden, dass die Alexa- und Spotify-Kombination bleiben wird: Andere Themen wie der Umstieg auf Linux sind relevanter.
Fazit#
Ich bin mit den Entwicklungen der letzten Monate zufrieden. Ich fühle mich nicht mehr getrieben und versinke nicht mehr in Medien oder Social Media-Blasen. Die Konsum-Entscheidungen von Serien, Filmen und Musik sind bewusster und bewegen sich außerhalb von extern gesteuerten Vorschlägen.