TL;DR Thunderbird
Meine Ansprüche an E-Mail-Programme sind in den letzten Jahren gesunken, da E-Mail bei mir immer weniger Relevanz hat. Übrig geblieben sind:
- Zweispaltige Ansicht mit einer Nachrichtenliste und daneben der Nachricht
- Drag and Drop von Bildern für Anhänge
- WYSIWYG-Editor mit Drag and Drop von Bildern in den Fließtext
- Bildgröße bzw. Dateigröße von eingefügten Bildern änderbar
- Option, große Anhänge separat hochzuladen und zu verlinken
- Bei Antworten muss die vorherige Mail als Zitat enthalten sein
- Wird ein Text markiert und geantwortet, so sollte nur dieser Text als Zitat übernommen werden
- Reply All muss möglich sein
- Volltextsuche inkl. Suchparameter wie from:name
- Weiterleitung als Attachment
- Archiv-Funktion (verschieben in Archive-Ordner)
- Ausblendbare Account/Ordnerliste
- Direkter Zugriff auf Inbox, Archive und Sent auch bei ausgeblendeter Accout/Ordnerliste
- Integration mit CardDAV-Kontakten
Die Idee, all dies und andere Anforderungen für Kalender (calDAV) und Kontakte (cardDAV) zu prüfen, stellte sich allerdings schnell als einfacher zu lösen heraus, denn so weit kam ich gar nicht:
Aus der Kontact-Suite von KDE kann KMail aus den vielen tausend Mails nicht alle abholen und ist nach einiger Zeit nicht mehr in der Lage, Mails zu versenden. KAddressbook liest nicht alle E-Mail-Adressen der Kontakte ein. Es gesellen sich Darstellungsfehler in den Einstellungen und fehlende Icons hinzu. Der Dark Mode wird nicht überall berücksichtigt.
Die Evolution-Suite auf der Gnome-Seite schafft es nicht, ihre Menüleiste einzublenden und sieht grundsätzlich so aus, als würde mich das Design ärgern wollen: Grell leuchtende Kalenderfarben im Dark Mode, sowie teils einfach dahingeklatschte Daten ohne Oberflächendesign. Die Performance ist zudem unterirdisch – bereits das Adressbuch kann kaum scrollen, so sehr hakt es.
Aus dem Gnome Desktop ist das Adressbuch Contacts vorzüglich. Der Kalender Calender kann alle Kalender einlesen, allerdings keine Änderungen schreiben und ist somit einigermaßen nutzlos (er befüllt allerdings den Kalender in der Leiste oben, erfüllt also zumindest einen Zweck). Errands für Aufgaben weigert sich, sich mit meiner calDAV-URL zu verbinden. Geary als E-Mail-Client hat deutliche Probleme mit dem Laden auch nur einiger hundert Mails, wird zudem nicht mehr weiter entwickelt und startet im Light Mode. Alles sehr schade, denn all diese Programme sind schöne Kopien der macOS-Varianten, nur funktioneren sie bis auf Contacts nicht. Calender und Contacts sind allerdings hilfreich, weil sie sich in die anderen Gnome Desktop-Funktionen integrieren.
Die Applikationen des elementaryOS versagen unter einem anderen Betriebssystem und Desktop alle kreativ: Tasks stellt nur einen Teil der Tasks dar. Calendar unterstützt den Dark Mode nur bei den Schriften, stelle also helle Schriften auf hellem Hintergrund dar. Contacts zeigt von Kontakten ausschließlich den Namen an. Mail funktioniert immerhin in den Grundsätzen, kann aber z.B. keine Mail archivieren, weil es den Archive-Ordner nicht finden kann. Konfigurieren lässt sich keine der Applikationen, weil die zugehörige Settings-App fehlt. Umso überraschter war ich, dass sie zumindest irgendetwas anzeigen können und sich dafür an den Gnome-Einstellungen bedienen. Optisch wirken die Apps putzig aus der Zeit gefallen und erinnern mich an Oberflächen wie die von AK-Mail.
Aerion ist sehr merkwürdig. Das Interface ist dreispaltig und sehr aufgeräumt. Andererseits funktionieren die Grundlagen noch nicht. Drag and Drop von Mails in Ordnern fehlt, beim Erstellen von Ordnern werden Bilder mit ihrem Pfad eingefügt und nicht als Bild, Leerzeilen werden hinter dem Cursor eingefügt und das angebundene Adressbuch wird wohl noch nicht genutzt. Das Window Management ist skurril und wirkt, das würde das Programm alles selber zeichnen. Es fühlt sich wie ein Fremdkörper an.
Mailspring unterstützt einen Dark Mode nur halb und zeigt immer eine helle Menüleiste, welche nicht verschwindet, wenn man in den Einstellungen aktiviert, dass sie verschwinden soll. Der Mailer wirkt initial angenehm aufgeräumt, scheitert aber an den Grundlagen, z.B. Drag and Drop in den Text einer Mail (wird nicht unterstützt) oder Hinzufügen einer Datei als Anhang (fügt Pfad und Dateinamen in den Fließtext ein – aber keinen Anhang zur Mail). cardDAV wird unterstützt und das Adressbuch wird eingelesen, inklusive mehrerer E-Mail-Adressen an meiner Karte, aber Mailspring scheint mit diesen Karten nichts zu machen (oder macht das erst mit der kostenpflichten Pro-Version).
Für Bluemail benötigt man Geduld. Sowohl für den ersten Start vor der Einrichtung, als auch für den späteren ersten Login an den IMAP/calDAV-Servern. Das Interface berücksichtigt den Dark Mode ebenfalls nur halb – diesmal sind es die Popup-Menüs und der Fenstertitel – und kann bei Kalendereinträgen keine Wiederholungen eintragen. Somit insgesamt nicht sinnvoll einsetzbar. Als Besonderheit hat Bluemail aber etwas AI integriert (auf Grundlage von ChatGPT), es stellt sich also die Frage: Was macht denn Bluemail mit meiner Kino-Buchung? Leider nichts. Von Haus aus kann man sie nicht dem Kalender hinzufügen. Der AI-Anteil erkennt zwar sämtliche Details, aber mit "add to calendar" kann sie nichts anfangen. Traurig.
Vivaldi hat als Browser mit integriertem E-Mail-Client, Kalender und Aufgaben eine Sonderrolle. Es funktioniert recht problemlos, aber Kontakte per cardDAV werden nicht unterstützt und etliche Komfortfunktionen fehlen, z.B. Drag and Drop von Bildern in den Mailinhalt. Hinzu kommt, dass die Übersichtlichkeit deutlich leidet, wenn in den Browser noch ein kompletter Mailer mit seinen Buttons geladen wird. Wofür ich Vivaldi allerdings verwende ist eine schnell einblendbare Seitenleiste mit den Aufgaben.
So kommen wir zur Überraschung: Thunderbird und somit Mozilla, die ich eigentlich meiden möchte. Dieses konnte nur mit Angabe der IMAP-Daten auch gleich das Adressbuch und die verschiedenen Kalender erkennen, hat auch mehrere zehntausend Mails problemlos verarbeiten können und der Kalender sieht zumindest erträglich aus. Die E-Mail-Adressen aus dem Mailer öffnen die entsprechende Karte im cardDAV-Adressbuch. So muss das sein. Die oben genannten Anforderungen werden erfüllt.
Ein frisch installiertes Thunderbird sieht allerdings aus, als wären mehrere Toolbars und Buttons explodiert und hätten sich auf dem Bildschirm in Angriffsstellung gruppiert. Mit etwas Konfigurationsarbeit und einer handvoll Erweiterungen kommt man im Hauptbildschirm, dem Mailer, auch schon an eine angenehme Übersichtlichkeit heran:

Thunderbird benutzbar machen:
- Gnome-Theme installieren
- AddOns installieren:
- Compact Headers: Macht den Header kleiner
- Message Header Toolbar Customize: Unerwünschte Buttons und den Stern abschalten
- Folder Pane Toggler: Ordnerleiste links wegklappen
- Inline Image Resizer: Bilder verkleinern vor dem Versand
- EDS Calender Integration: Bedient die Gnome-Infrastruktur
- Haupt-Toolbar etwas umsortieren
Wo es bei Thunderbird noch hakt:
- Kontinuierliches Scrollen in der Wochenansicht. Es gibt nur eine Blättern-Möglichkeit.
- Aus Events in E-Mails, z.B. Kino-Buchungen, einen Kalendereintrag erzeugen.
- Benutzbarkeit in allem anderen 😭. Alleine das Bearbeiten eines Termins startet eine Zeitreise in Dialogmasken der 90er. Wenn man die Dialoge vom Gnome Calendar zuvor gesehen hat kann man hier schon lautstark verzweifeln. Aber immerhin: Es funktioniert. Man muss damit leben, dass einem ständig jemand ins Auge piekt.